Was ist für dich die größte Herausforderung aller Zeiten? Was ist deine ganz persönliche, riesengroße Herausforderung?

Ich könnte auch Fragen: An was scheiterst du immer wieder? Was gelingt dir nicht oder was glaubst du, würde dir nicht gelingen?

Ich liebe Herausforderungen

Aus irgendwelchen Gründen liebe ich Herausforderungen. Irgendwie bin ich immer wieder ein Mensch der Extreme. Ich muss oft was Besonderes sein, oft habe ich das Gefühl mich unbedingt von der Masse abheben zu müssen. Vielleicht komme ich mir sonst zu langweilig vor, vielleicht schlummern da einige Minderwertigkeitsgedanken in mir. Vielleicht will ich auch einfach immer nur wieder meine Grenzen sprengen und erweitern.

Eine Zeit lang war es so, dass wenn man irgendwo herunter springen konnte, dann musste ich da auch runter springen. Oder wenn man irgendwo besonders schnell fahren konnte, dann war das der Kick, den ich suchte. Und auch heute immer wieder suche. Allerdings bin ich irgendwie älter geworden. Es kickt nicht mehr so. In meiner „Kick-Suche-Laufbahn“ habe ich acht Bungeesprünge gemacht, einen davon aus einem Hubschrauber in 500 Metern Höhe. Ich bin mit 290 km/h über die Autobahn gefahren. Ich bin in ein Haifischbecken gestiegen – ohne Gitter. Man könnte meinen, ich war Lebensmüde. Ja, ich glaube das trifft es gut.

Bei mir war das Gefühl entstanden, alles schaffen zu können. Und das wiederum führte dazu, dass eine gewisse Langeweile entstanden ist. Wenn ich das Gefühl habe, alles zu können, was fordert mich dann noch?

Damit will ich nicht sagen, dass ich alles kann! Um Gotteswillen. Bei weitem nicht! Es ist irgendwann das Gefühl dagewesen. Und das kommt und geht, wie so vieles andere auch.

Vor ein paar Jahren bin ich dann auf eine neue Herausforderung gestoßen – und die hat es in sich. Für mich ist das die größte Herausforderung überhaupt.

Darauf gebracht hat mich einer meiner Lehrer: Johannes Galli.

Er erzählte davon, wie er sich selbst eine Herausforderung stellte – und dann an ihr scheiterte.

Ich fand das extrem faszinierend. Die Aufgabe an sich war so einfach! Und doch war sofort klar, warum sie gleichzeitig so schwierig ist.

Galli schilderte, wie er sich vornahm jeden Tag um 21 Uhr eine Kerze anzuzünden. Jeden Tag zur exakt der gleichen Uhrzeit.

Wow!

Wie lange mag das gehen? Was glaubst du, wie lange könntest du das?

Kerze anzünden leicht gemacht?

Er berichtete wie es zuerst gut ging und wie dann etwas in ihm anfing ihn davon abzuhalten. Wie es gründe fand, warum er es jetzt doch nicht tun müsse. Und wie auch die Umstände begannen, ihn davon abzuhalten. Mal hatte er keine Streichhölzer oder der Wind blies die Kerze aus.

Das, was wir umgangssprachlich als den inneren Schweinehund bezeichnen, ist aktiv geworden.

Und wer kennt ihn nicht, diesen Hund, dieses „miese“ Schwein?

Angefixt von diesem Erlebnis und dieser Idee, vergrub ich allerdings gleich jedes Vorhaben, irgend etwas täglich zur gleichen Uhrzeit auszuführen. Wenn er das nicht kann, dann kann ich das erst recht nicht, dachte ich mir.

Und dann, zwei, drei Jahre später, landete ich bei Byron Katie auf der School of Work. Neun Tage lang einmal auf Links gedreht zu werden, wie mein Freund Rüdiger Gosselck immer zu sagen pflegt. Da wird man durchgewringt um dann frisch gebügelt wieder ins Leben entlassen.

Was alles in dieser School passiert, soll möglichst geheim bleiben, damit jeder, der noch daran teilnehmen wird, auch die Überraschungseffekte der Übungen hat. Was kein Geheimnis ist, dass man dort jeden Morgen punkt sieben Uhr für eine halbe Stunde lang einen Morgenspaziergang mit einer speziellen Übung macht.

Nicht um drei nach sieben. Nicht eins nach sieben. Punkt sieben geht’s los. Wer nicht kommen kann, soll Bescheid geben und das Team rund um Byron Katie wird alles möglich machen, dass es doch geht – und wenn man auf dem Rollstuhl durch den Park geschoben wird.

Uiuiui, das war eine Ansage.

Dank meiner eigens auferlegten Zwängen inklusive Gruppenzwang war mir das in den neun Tagen relativ einfach möglich. Ich meine, zwanzig vor sieben aufstehen, duschen und runter.

Später, wieder zu Hause angekommen, hielt ich das ungefähr noch zwei weitere Wochen durch – jeden Morgen um sieben eine halbe Stunde spazieren gehen.

Mein innerer Schweinehund war sehr kreativ. Ich weiß nicht mehr, was er mir alles erzählte, aber er brachte sehr einleuchtende und nachvollziehbare Gründe vor, warum ich das nicht weiter machen musste.

Der Morgenspaziergang nach Byron Katie

Bisher bin ich dreimal für zwei Wochen den Jakobsweg gelaufen und führte die Übung dort auch jeden Tag aus. Zwar nicht um punkt sieben, aber jeden Morgen als erstes mit dem Losgehen für 30 Minuten.

Diese Übung ist einfach grandios. Wer „Ein Kurs in Wundern“ kennt, dem wird das Prinzip des Morgenspaziergangs nicht unbekannt sein.

Was nun letztes Jahr passierte, fand ich dann allerdings erst einmal gar nicht witzig.

Ungefähr drei Tage vor dem Ziel Santiago sagte eine Stimme zu mir: Marius, wenn du wieder zu Hause bist, wirst du diese Übung fortführen. Jeden Morgen für eine halbe Stunde spazieren gehen. Und zwar ein halbes Jahr lang.

Äh bitte was?! Spinnst du! Das werde ich nicht tun – war meine eindeutige Antwort.

Die Stimme antwortete ruhig, gelassen und doch sehr bestimmend: Doch, das wirst du. Ein halbes Jahr lang. Jeden morgen punkt sieben.

Ach du scheiße. Ich merkte, dass die Stimme es sehr ernst meinte. Ich war nicht glücklich drüber und versuchte ihr klarzumachen, dass ich das kein halbes Jahr durchhalten werde. Also bräuchte ich es auch gar nicht erst zu versuchen.

Sie ließ sich nicht beirren und ich fing an den Gedanken, genauer gesagt die Herausforderung, immer mehr zu mögen.

I’m walking …

Die ersten Tage waren einfach. Ich war in Spanien insgesamt drei Wochen unterwegs, bin knapp 400 km gelaufen und mein Körper wollte nicht einfach aufhören zu gehen. Mein Laufmodus war aktiviert und ich war richtig motiviert, den Morgenspaziergang zu machen. Punkt sieben. Nicht eine Minuten danach. Und zwar auch jedes mal so, dass ich mir zuerst die Übung vorlas, dann den Handytimer auf 30 Minuten stellte und losging.

Was glaubst du, wie lange ich das durchgehalten habe?

Ich kann es dir genau sagen: Drei Wochen.

Nach drei Wochen war ich auf einem Wiedersehenstreffen von einer meiner Ausbildungen. Ich schlief in einem Zelt an der holländischen Grenze auf einem privaten Grundstück. Es regnete und als mein Wecker am Morgen klingelte, bekam ich meine Augen nicht auf. Ich sah auf ein verschwommenes Etwas, das mein Smartphone war. Ich hörte Regen, der sich anhörte wie ein dreifacher Regelwaldguss. Mein Kopf brummte und ich versuchte mich aus meinem Schlafsack zu schälen.

Diese Schwerkraft. Diese verdammte Schwerkraft! Was war passiert? War betrunken? Ich bekam meine Augen nicht auf. Irgendwas stimmte mit mir nicht. Und dann war da immer diese unaufhörliche Aufforderung von etwas in mir, einfach weiter zu schlafen. So viele Gründe prasselten auf mich ein, genauso wie der Regen auf das Zelt.

Ok.

Einfach hinlegen und weiterschlaf… ich konnte nicht zu Ende denken und war schon wieder weg.

Zwei Stunden später.

Meine Augenlieder waren jetzt bereit für eine Morgengymnastik und ließen sich widerstandslos bewegen.

Oh nein!

Vorzeigeversager

Ich habe versagt. Ich Idiot. Ich Trottel. Ich habe alles kaputt gemacht! Ein halbes Jahr hätte es sein sollen und ich habe es gerade mal drei Wochen geschafft – dachte ich mir.

Ich kroch aus meinem Zelt und stellte fest, dass es gar nicht so stark regnete, wie es sich von innen anhörte. Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte, dass ich mich selbst ausgetrickst hatte.

Geknickt ging ich ins Haus. So viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, keiner davon war besonders nett mir gegenüber.

Und dann wurde mir etwas klar.

Nur weil ich jetzt einmal nicht gegangen bin, hieß das ja nicht, dass das ganze Projekt gescheitert ist! Oh man, ich war gerade dabei aufzugeben, als mir klar wurde, dass Scheitern nun einmal dazu gehört, um zum Erfolg zu kommen.

Na und?!

So konnte ich die Situation lachend annehmen: „Heute habe ich es nicht geschafft. Na und?!“

Es war eine sehr kraftvolle Erkenntnis, die mich motivierte am nächsten Morgen wieder spazieren zu gehen. Und von nun an den Morgenden diese Gedanken in mir noch bewusster wahrzunehmen, die mich davon abhalten wollen aufzustehen.

Und so ging ich. Morgen für morgen. Mal um zwei nach sieben, mal um sieben, mal um vier nach sieben und meistens um punkt sieben

Wenn ich zu der Zeit im Flugzeug oder Auto saß, habe ich die Übung im sitzen gemacht.

Insgesamt habe ich elf mal geschwänzt, aus verschiedenen Gründen. Erkältet zu sein hat mich nicht abgehalten, faulheit und andere kreative Gründe schon.

Dann sagte ich mir kurz vor Ende des halben Jahres: Also Marius, damit das auch wirklich zählt, musst du die elf Versäunisse aber nachholen.

Logisch oder? Ich hatte ja geschwänzt, das ging nicht.

Bis ich merkte, dass ich mich bestrafen wollte, weil ich ja ein paar mal mich nicht an die Regeln gehalten hatte. Aua.

Mein Blick war auf das gerichtet, was ich nicht geschafft hatte, anstatt das zu sehen und zu würdigen, was ich geschafft hatte!

172 mal bin ich aufgestanden. 172 mal bin ich bei Wind, Wetter oder Dunkelheit vor die Tür und meistens Quer durch Wiesbaden gelaufen.

Klopf dir doch mal auf die Schulter, Marius!

Ja, und das tat ich dann auch. Ohne die elf Tage dran zu hängen. Es ging schließlich um ein halbes Jahr, nicht um 183 mal Laufen gehen. Es ging darum, dass zu sehen, was ich geschafft hatte. 172 Morgenspaziergänge in einem halben Jahr.

Also doch: Geschafft!

Was soll ich sagen, es war eine grandiose Erfahrung!

Nun schlafe ich wieder länger und gehe morgens nicht mehr Spazieren. Diese Herausforderung ist abgehakt, quasi erledigt. Vielleicht kommt es eines Tages wieder, vielleicht auch nicht.

Doch ich möchte, nein, ich werde das Spiel der regelmäßigen Regelmäßigkeit weiter spielen. Daher habe ich mir etwas Neues vorgenommen: Jede Woche einen Text in meinem Blog zu veröffentlichen.

Ha!

Nun weißt du, warum ich das hier alles schreibe. Nicht nur, um dich zu inspirieren, deine regelmäßige „Aufgabe“ zu finden, sondern auch um mich selbst in die Pflicht zu nehmen, zu schreiben und zu veröffentlichen. Ich schreibe dies, damit es jeder erfährt, wenn ich erfolgreich bin und wenn ich scheitere. Das motiviert mich, es durchzuziehen.

Wie sagte Galli einst so schön zu mir: Lass uns scheitern.

Das werde ich doch bestimmt wieder erfolgreich hinbekommen.

Und alles andere auch.

Mal sehen, wie das wird. Ich freue mich drauf.

Was ist deine persönliche Herausforderung? Bei welcher bist du bereit, zu scheitern?

Marius Schäfer

Marius Schäfer

Persönlichkeits-Coach

Seit vielen Jahren beschäftigte ich mich damit, wie wir zu mehr Lebensfreude, Selbstliebe und Bewusstsein gelangen können. Ich arbeitet als Coach und bietet Seminare in Deutschland und im Internet an.

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