Kleider machen Leute. Doch was, wenn die Kleidung nicht zum Anlass passt? Wie fühlst du dich in scheinbar unpassender Kleidung?

Am Donnerstag, den 05. Juli 2018 habe ich mich nur mit einem Bademantel, Badelatschen und einer Unterhose bekleidet und bin durch die Wiesbadener Innenstadt geschlendert.

Entstanden ist diese Idee vor knapp vier Monaten in einem Gespräch über die Schattenseiten in einem selbst, genau genommen über die Kellerkinder, die in einem wohnen. Bei den Kellerkindern nach Johannes Galli gibt es eine „Tranfunzel“, die immer nur durch die Gegend schlurft, der alles zu anstrengend ist und die alles auf morgen verschiebt. Das Gegenteil ist der Antreiber, Druckmacher und Soforterledigthabenwoller. Und wenn man überwiegend das Gegenteil lebt, als nur im Machen und Tun ist, dann „tut“ man sich mit der Tranfunzel in der Regel halt schwer.

Ich weiß nicht mehr genau, wie wir da drauf gekommen sind, auf jeden Fall hatte ich auf einmal das Bild im Kopf, im Bademantel und Badelatschen durch die Stadt zu laufen, sich in ein Café zu fletzen und sich ganz tranfunzelig dem Tag hinzugeben.

So sagte ich zu Heike: „Das wäre bestimmt etwas, was für dich nicht so einfach möglich wäre, oder?“ – Und da ich Herausforderungen liebe, fügte ich hinzu: „Lass uns das doch mal machen. Bademantel, Badelatschen und ab in die Stadt. Mal schauen was passiert.

Wir vereinbarten den 5. Juli als „Schlurf-Challenge“ und ich notierte ihn mir im Kalender.

Heute war es dann soweit und ich sagte mir – wie schon so oft in meinem Leben: Marius, warum?

Warum musst du dich immer auf sowas einlassen? Du kannst doch einfach gemütlich in der Wohnung bleiben oder dich einfach angezogen in den Park legen. Wozu das jetzt schon wieder?

Und inzwischen weiß ich, wenn genau dieser Gedanke kommt und dabei das leicht unangenehme Gefühl sich zeigt, dann erst recht! Dann weiß ich, da ist eine Angst in mir, die will gefühlt und vor allem genau angeschaut werden.

Also, ab in den Bademantel. Phu, heute ist es so warm und der ist ganz schön dick. Aber wenigstens noch ein T-Shirt drunter, was, wenn die Leute sehen, dass ich nichts drunter habe? Nix da, Marius, das ist wirklich viel zu warm. Und wo ist denn das Problem, du hast doch einen Bademantel drüber.

Gedanken, Gedanken, Gedanken.

Noch konnte ich darüber lachen. So schaute ich mich im Spiegel an und dachte mir: Ist doch nur ‚n Bademantel. Was soll schon passieren?

Also, etwas Bargeld, mein Handy und Haustürschlüssel eingepackt und ab vor die Tür.

Ich wohne nur zwei Straßen von der Einkaufsstraße in Wiesbaden entfernt. Zum „aufwärmen“ ging ich aber erst mal in den Park. Die Einkaufsstraße hebte ich mir für später auf.

Also ab Richtung Park „Warmer Damm“. Auf dem Weg dorthin versuchte ich die Blicke der anderen auf der Straße nicht zu bemerken. Ich schaute bewusst weg und merkte, wie schnell ich ging. Stop, stop! Langsam, Marius. Es heißt Schlurf-Challenge. Also wurde ich langsamer und übte mich im Tranfunzelgang.

Okay, der erste Weg zum Park war geschafft. Ich setze mich dort auf einen Bank und schaute auf den Teich. Hier war ich erstmal ziemlich sicher, die Bank lag nicht direkt am Weg.

Plötzlich fing mein Gedankenkarussell an sich zu drehen und als ob jemand den Turbo eingeschaltet hätte, drehte es sich deutlich schneller, als ich es vertragen konnte.

Was, wenn jemand denkt du bist dement und orientierungslos?

Was, wenn die glauben du bist ein obdachloser Spinner?

Was, wenn jetzt die Ordnungspolizei kommt?! Die werden dich hier aus dem Park verweisen und wenn du denen nicht gehorchst, dann nehmen die dich mit.

Und auf einmal traf es mich richtig.

Was, wenn die glauben du bist ein Exhibitionist?!?!

Oh shit. Daran hatte ich nicht gedacht. Das ist ja quasi die Profiexhibitionistenkleidung schlechthin. Oh nein, oh nein! Was jetzt?

Das Karussell drehte sich schneller und schneller und mir wurde schwindelig. Ich machte die Augen zu und versuche mich zu entspannen.

Negativ.

Es drehte sich nur noch schneller und vor meinem geistigen Auge wurde der ganze Park abgesperrt, ich sah die GSG9 anrücken und mich abtransportieren.

Eine Salve von Verurteilungen prasselte auf mich ein, ich verurteilte mich im Dauerfeuer. ICH erklärte MICH für verrückt für das, was ich hier tue. IM BADEMANTEL IM PARK SITZEN. GEHT’S NOCH?!

Ich merkte, wie ich mich immer weniger konzentrieren konnte. Ich wurde so komisch müde, der Druck im Schädel und Brustbereich wurde immer größer – ein Zustand den ich von mir kenne, wenn ich mich in Luft auflösen möchte, es aber – komischerweise – nicht kann.

Je länger ich dort saß, umso schlimmer wurde es. Matschbirne Deluxe™.

Sollte ich es abbrechen und mich einfach wieder nach Hause schleichen?

Nein!

Plötzlich wurde mir klar, dass das Problem zwischen meinen Ohren sitzt und ich bemerkte, je länger ich auf das Gedankenkarussell starte, desto schlimmer wurde es.

Ich drückte meine Gedanken-Pause-Taste und stand einfach auf.

Geh einfach los und schau was passiert“, sagte ich mir. Also auf zum Kurpark.

Geh einfach los

Die Bewegung tat mir gut und ich war bereit die ersten Blickkontakte aufzunehmen. Wenn denn da welche gewesen wären – ich wurde ignoriert.

In der Ferne sah ich ein junges Paar auf der Parkbank sitzen, ein Kinderwagen stand vor ihnen. Er spielte nervös mit einem Feuerzeug in seiner Hand, sie schaukelte sanft den Wagen. Beide drehten ihren Kopf zu mir, schauten mich an und wandten ihre Blicke nicht mehr von mir ab. Dafür wurden ihre Augen immer größer und das Schaukeln immer schneller, je näher ich ihnen kam. Langsam öffneten sich ihre Münder und hätte ich nicht gewusst, dass sie mich anschauen, hätte ich gesagt sie sehen gerade einem Außerirdischen beim rückwärts einparken zu.

Ich zwang mir ein Grinsen aufs Gesicht und lief an ihnen vorbei.

Bloss schnell weg“ dachte ich mir. „Schlurfen!“ erinnert mich meine innere Stimme.

Ja, danke, hab ich wohl vergessen.

So schlurfte ich durch den Kurpark und der ist ja schon ein bisschen größer als der Warme Damm. So langsam entspannte ich mich ein bisschen, zum Glück war hier nicht so viel los.

Zum Glück?

Hm, da ist auch ein Teil in mir der will, dass ich so gesehen werden. Der will so fotografiert werden und für Lacher sorgen. Ach, das ist ja interessant. Das wovor ich Angst hatte, wollte ich auch.

Am Ausgang vom Park saß eine Frau und lächelt mich an. Sie sah mich! Sie freute sich wegen mir. Wow.

Auf einmal kippte etwas in mir und mir fiel der Spruch von Nietzsche ein:

Diejenigen, die die Musik nicht hören können, glauben dass diejenigen die tanzen, verrückt sind.

So ist es!

Sie konnte meine Musik hören.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.

Andere sahen nicht mich! Andere sahen etwas, das nicht in ihre Vorstellung passte.

Yes!

So nahm ich mir vor, ab jetzt ausschau nach Leuten zu halten, welche die Musik hören konnten zu der ich gerade tanzte.

Ich war bereit für den nächsten Schritt.

Einen Espresso bitte

Zeit für den Café-Besuch. Ab zum Becker mit Café-Ecke, dort einfach rein und einen Espresso und Schokobrötchen bestellt.

Einfacher als ich dachte.

Ab vor die Tür und erstmal in Ruhe den Platz einnehmen. Mein Telefon klingelte und ich freute mich sehr darüber. So signalisiere ich unter anderem meiner Umwelt, dass ich kein völliger Spinner sein kann.

Guckt mal, ich besitze ein Telefon, ich bin ganz normal, ehrlich.“

Eine Politesse lief an mir vorbei und grinste mich an. Ich grinste zurück.

Das Telefongespräch tat mir gut. Ich vergaß immer wieder, dass ich in Unterhose und Bademantel am Straßenrand saß und Espresso trank. Zwischendrin musste ich immer wieder lachen, weil es von außen vermutlich irgendwie lustig aussah.

Immer weiter vertiefte ich mich in diesem wundervollen Gespräch, so wie ich es auch in normaler Kleidung getan hätte und immer wieder suchte ich auch nach irritierten Blicken.

 Meine Güte! Was geht da in dir ab, Marius? Es ist nur ein Bademantel!

Die Politesse kam wieder vorbei und hörte nicht auf, mich anzugrinsen. Ich grinste leicht irritiert zurück.

Eine obdachlose Frau in völlig zerfetzter Kleidung lief an mir vorbei und lächelt mich an. Ihre Augen strahlten, ich strahle zurück.

Danke.

Zeit für die nächste Stufe.

 

Ich hatte dort lange gesessen und auch telefoniert – zum Glück – doch es war Zeit zum Weiterziehen. Ab auf die Einkaufsstraße.

Kaum war ich dort, kam ich mir vor wie auf einem Laufsteg. Rechts und links bemerkte ich die Leute, die mich anschauten. Einer sagte: Wo kommt der denn her? und runzelt die Stirn. Ich lächelte ihn an. Der Mann neben ihm lächelte zurück und zeigte mit seinem Daumen nach oben.

Ab zur Currywurstbude, wo ich Süßkartoffelpommes essen wollte. Ich erntete von den Gästen weiterhin irritierte Blicke, allerdings hatte ich mich inzwischen schon dran gewöhnt. Die Bestellung lief ab, als ob nix wäre – ich fühlte mich regelrecht wieder normal.

Ein Pärchen gefragt, ob es ein Foto von mir machen könne, Pommes fertig gegessen und wieder ab auf den „Catwalk“.

Immer wieder das gleiche Bild. Die meisten schauten starr weg, so als ob sie mich nicht sehen würden. Manche rissen ihre Augen auf und verkneiften sich ihre Reaktion. Und manche lächelten mich an.

„Kommst du aus Offenbach?“

„Cooler Typ“

„Ist das ein Bademantel?“

„Warum hast du einen Bademantel an?“

„Geile Aktion“

Und alle hatten eins gemeinsam. Wenn ich offen und entspannt blieb, wenn ich nicht verstört wegblickte, sondern sie anlächelte, dann kam ein Lächeln zurück.

Es kam der Punkt, wo genau weiß ich nicht mehr, da sagte ich mir: Es ist nur ein Bademantel. Wenn du jetzt vor einem Krankenhaus, an der Hotelpoolbar oder in der Sauna wärst, würde das auch keinen jucken. Es ist einfach nur ein Kleidungsstück, das die anderen so irritiert.

 Ich sagte mir in liebe: Na und!? Genieße es. Die anderen denken so oder so, was sie denken wollen. Mach dich frei davon.

Und so ging wurde ich immer lockerer und ging wieder Richtung zu Hause, gönnte mir ein Eis als Belohnung und merkte, wie meine Müdigkeit und meine Matschbirne schon längst wieder verflogen waren.

Ich liebe Herausforderungen

 

Es ist immer wieder ein bereicherndes Erlebnis, mich meinen Ängsten zu stellen und dabei festzustellen, dass die Realität anders aussieht als befürchtet. Dass sie viel, viel Freundlicher ist, als in meinen Befürchtungen und dass der Krieg und das Chaos sich zuerst nur in meiner Birne abspielt.

Wieder einmal bin ich mir mehr auf die Schliche gekommen. Wieder einmal konnte ich ein paar meiner Irrtümer aufdecken. Wieder einmal bin ich ein bisschen freier geworden.

Hast du Lust es auch einmal auszuprobieren?

Alles was du dazu brauchst ist ein Bademantel und ein paar Badelatschen.

Marius Schäfer

Marius Schäfer

Persönlichkeits-Coach

Durch meine eigene Lebenskrise habe ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich nachhaltig positive Veränderung in meinem Leben hervorrufen kann. Alles was ich weitergebe, habe ich an mir selbst erfahren und "erprobt".

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