Gib dich nicht auf. Egal, was dir im Leben passiert ist, egal, wo du gerade stehst, gib dich nicht auf. Ruhe dich aus, sammle dich, hole dir neue Kraft, aber gib dich nicht auf.

Als ich das erste Mal auf dem Jakobsweg mit Walter Hommelsheim unterwegs war, traf ich unterwegs einen mexikanischen Priester. Er sah weder mexikanisch, noch nach einem Priester aus. Er lief an einem Stock und sein rechter Fuß funktionierte nicht mehr so, wie er es normalerweise tat. Er humpelte sichtbar und sein Gesicht war trotzdem auf eine gewisse Art und Weise fröhlich.

Da er den Weg in Jean Port de Pierre startete, war ich der Überquerung der Pyrenäen interessiert und er schilderte mir, wie er sich den Berg in einem Unwetter hochkämpfte. Es regnete und windete so starke, dass er das Gefühl hatte, kaum vorwärts zu kommen. Es war so anstrengend für ihn, dass er immer wieder rasten musste und es herrschte so ein starker Nebel, dass er kaum die Hand vor dem Gesicht sehen konnte. Schritt für Schritt schleppte er sich den steilen Weg hinauf, immer wieder peitschte ihm der Regen ins Gesicht.

„Was nimmst du für dich von diesem Erlebnis mit?“ fragte ich ihn.

Never give up. You can rest, but never give up.

 Gib niemals auf. Du kannst dich ausruhen, aber gib niemals auf.

Während wir uns unterhielten und nebeneinander auf dem Camino gingen, stelle ich ihn mir vor, wie er sich den Berg hochkämpfte, wie der Regen gegen sein Gesicht peitschte, er sich schützend eine Hand vor das Gesicht hält, die andere stützend am Stock und der Weg nur direkt vor seinen Augen sichtbar ist. Wie er gegen das Wetter ankämpft und auf seinem Gesicht eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und kämpferische Kraft zu sehen ist. Wie er langsam einen Schritt nach dem anderen macht und nicht sehen kann, wie weit es noch zur Bergspitze ist. Wie ihm klar ist, dass es nur dort entlang gehen kann, dass es keine Alternative gibt. Dass der Weg zurück keine Möglichkeit darstellt und er sich einzig und alleine dem stellt, was vor ihm ist.

Aufgeben ist keine Alternative.

Nur der Weg, das Ziel vor ihm, ist von Bedeutung. Ist von so großer Bedeutung, dass er all seine Kräfte mobilisiert. Er hat ein klares Ziel vor Augen und um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit, all die Schmerzen auf sich zu nehmen.

Ruhe dich aus, aber gib dich niemals auf.

Und ich versuchte mir vorzustellen, welche Folgen es gehabt hätte, wenn er sich dort aufgegeben hätte, mitten im Nirgendwo, im Unwetter.

Und dann fragte ich mich, warum ich eigentlich so schnell aufgebe? Warum ich mich in meinem Leben so oft aufgegeben hatte? Warum ich so oft sterben wollte, warum ich nicht bereit war, für etwas zu kämpfen? Warum kämpfte ich für mich nicht bis zur letzten Konsequenz?

Der Lehrer, die Autorität

 

Und eine Erinnerung aus der Schulzeit kam mir in den Sinn.

Ich war in der 12. Klasse im Wöhlergymnasium in Frankfurt am Main. Physikunterricht. Unser Lehrer war nicht für Empathie und Feinfühligkeit bekannt, aber auch kein Unmensch. Igor, einer unserer Schüler, war nicht unbedingt für Fleiß und Zuverlässigkeit bekannt. Er hatte in der Schularbeit schlechte Noten geschrieben und wir alle hatten unsere Fehler aus der Schularbeit korrigieren sollen und als Hausaufgabe das nächste Mal abgeben sollen.

So stand der Lehrer vor der Klasse und verkündete, dass Igor seine Arbeit nicht abgegeben hätte und das zur Folge habe, dass er null Punkte im Zeugnis bekomme. Das wiederum hätte zur Folge, dass er nicht in die 13. Klasse versetzt würde. Und irgendwie schien der Lehrer darin eine Genugtuung zu finden, irgendwie schien es ihm wichtig zu sein, dass Igor null Punkte in Physik erhält.

Was dann folgte, war ein lautstarker Wortschlagabtausch, der glaube ich die ganze Klasse beeindruckt hat.

Igor sagte dem Lehrer, dass er sehr wohl seine Arbeit abgegeben habe und der Lehrer widersprach ihm. Doch Igor gab nicht klein bei, er nahm es nicht einfach so hin, sondern bestand darauf, dass er seine Arbeit abgegeben hatte.

Aus irgendeinem Grund wurde der Lehrer laut und ungehalten. Und Igor dann auch. Die beiden fingen an, sich anzuschreien und Igor bestand darauf, dass er die Arbeit wie gewünscht abgegeben hatte. Der Lehrer bestand darauf, dass das Heft nicht da sei und er durchfalle. Alle in der Klasse waren still. Der Lehrer ging auf Igor zu und Igor stand auf, sie schrien sich beide an.

Ich weiß noch genau, wie ich – warum auch immer – dem Lehrer mehr glaubte. So wie ich Igor einschätzte, hatte er es wirklich versemmelt, sein Heft abzugeben. Daher war ich irritiert von der Vehemenz, die er dort an den Tag legte. Der Lehrer sagte im Eifer des Gefechts zu mir, ich solle ein Protokoll zu der Unterhaltung führen, da es ernste Konsequenzen für Igor haben werde. Ich schluckte erschrocken und ignorierte die Anweisung. Ich tat einfach so, als ob ich das nicht gehört hätte, weil ich nichts falsch machen wollte. Ich wollte nicht etwas falsch aufschreiben und dann für irgendwas verantwortlich gemacht werden. Die Anweisung zu ignorieren, schien mir die beste Variante.

Gleichzeitig war ich von Igors Kampfbereitschaft und dem Widerstand den er zeigte, äußert beeindruckt. Einen Lehrer anzuschreien stand bei Weitem nicht auf meiner Möglichkeitenliste.

Und dann?

Am nächsten Tag stand der Lehrer vor der Klasse und entschuldigte sich. Er habe sich geirrt und das Heft von Igor im Stapel übersehen. Igor bekomme einen Punkt in Physik und werde deshalb auch in die nächste Klasse versetzt.

Wow.

Unglaublich.

Und ich fragte mich, was hätte ich wohl gemacht, wenn ich betroffen gewesen wäre?

Vermutlich hätte ich widersprochen und sowas gesagt wie „Doch, ich habe mein Heft abgegeben“.

Ja, und weiter?

Dann hätte ich noch ein oder zweimal drauf hingewiesen und dann klein beigegeben, nachgegeben und mir gedacht, da kann ich halt dann nichts machen. Ich hätte Gründe gefunden, warum es ok so wäre, oder was wohl sonst hätte passieren können, das rechtfertige, dass das Heft nun nicht da sei.

Und vermutlich hätte ich der Autorität Lehrer irgendwann soviel mehr Glauben geschenkt, dass ich dann wirklich geglaubt hätte, ich hätte mein Heft nicht abgegeben. Ich hätte angefangen zu zweifeln, ob ich das wirklich getan hätte. Und dann hätten sich meine Erinnerungen überschrieben mit neuen Bildern, die gar nicht passiert sind, aber die mir so oft erzählt wurden, dass ich irgendwann gedacht hätte, dass es wirklich so war.

Der Zweifel in mir wäre genährt worden, der Zweifel an mir selbst.

Weder der mexikanische Priester, noch Igor haben diesem Zweifel Raum gegeben.

Sie haben sich nicht aufgegeben.

Sie standen für sich ein, sie kämpften für sich.

Gib dich nicht auf, bedeutet auch, gib deine Träume, Visionen und Ziele nicht auf.

Warum habe ich in meinem Leben so oft Ideen und Projekte angefangen und dann nicht zu Ende gebracht?

Weil ich nicht an mich geglaubt habe, weil ich meinem Zweifel mehr Raum gegeben habe, als den Glauben an mich selbst. Weil ich nicht für mich gekämpft habe.

Mehr nicht, nicht mehr.

 

Ausruhen ist okay und wichtig. Kraft sammeln, sich selbst sammeln und den Ausgleich zur Anspannung finden. Hingabe ist okay und wichtig. Nicht das kontrollieren zu wollen, was man nicht kontrollieren kann und auf der Welle surfen, anstatt der Welle zu sagen, wie sie zu sein hat.

Aber nicht (sich) aufgeben.

Sich aufzugeben ist keine Option.

Egal welche Vision, welches Ziel du hast, es wird der Punkt kommen, da scheint es schwer oder sogar unmöglich zu sein, sie zu erreichen. Es wird Reibung, Konflikte und Widerstand geben.

Aufgeben ist keine Option.

Das Leben will wissen, wie ernst du es meint.

Das Leben stellt dir ein Hindernis, so dass du an ihm wachsen kannst.

Diese Erfahrungen sind so wertvoll.

Sie sind notwendig.

Sie sind liebevoll.

Sie sind ein Geschenk.

Ruhe dich aus, aber gib dich nicht auf.

Wachse mit und durch deine Erfahrungen.

Stehe für dich ein.

Gib deine Visionen, deine Ziele, deine Träume nicht auf, egal wie schwer es zu sein scheint.

Egal was anders sagen, denken, glauben und dir einreden wollen.

Du bist es wert.

Es lohnt sich.

Für dich.

Gib dich nicht auf.

Stehe aus Liebe zu dir, zu dir.

 

Marius Schäfer

Marius Schäfer

Persönlichkeits-Coach

Durch meine eigene Lebenskrise habe ich begonnen, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich nachhaltig positive Veränderung in meinem Leben hervorrufen kann. Alles was ich weitergebe, habe ich an mir selbst erfahren und "erprobt".

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